Die grosse Rundreise / SPIEGEL NEUSEELANDS
Nein, die etwas längere Schreibpause war nicht gewollt. Unsere Reise ging natürlich schon am nächsten Tag weiter. Wir schreiben den 10. Nov. und auch dieser Tag zeigte sich von seiner besten Seite. Der See und der Himmel strahlen in ihrem Blau um die Wette. Kein Wunder, dass es uns im ganzen Körper kribbelt. Der Frühling hat definitiv Einzug gehalten und lässt in uns einen unstillbaren Tatendrang aufkommen. Bevor wir weiterziehen wollen wir uns noch Wanaka reinziehen, das wir erst vom Durchfahren kennen. Die rund fünftausend Seelen zählende Ortschaft strahlt eine fast langweilige Gelassenheit aus.
Massentourismus scheint hier nicht gefragt. Die Auslagen in den Geschäften sind phantasielos bescheiden. Immerhin, ein Kleidergeschäft zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Diesen Laden verlassen wir, beflügelt von der jahreszeitlichen Aufbruchstimmung, mit drei frühlingshaften Röcken in unserer Tasche. Interessant, wie viele Geschäfte zwischen ihren Auslagen Fotos zeigen, die belegen, wie Wanaka nach heftigen Regenfällen und starker Schneeschmelze immer wieder vom Wasser überflutet wird, das aus dem hochgehenden See in die Ortschaft überschwappt. Der Bummel durch die Stadt beansprucht nicht viel Zeit, umso mehr als wir nicht viel Zeit mit Fotografieren zu verschwenden haben. Durch die geraden, kreuzweise angelegten Strassen gelangen wir innert Kürze zum See. Die Weite dieses Gewässers, die dahinter gleissenden Schneeberge, getränkt vom Licht der Frühlingssonne verströmen ein befreiendes Glücksgefühl und innere Ruhe.
Das ganze Seeufer ist völlig unverbaut und überall für jedermann/frau/hund zugänglich. Wie zu erwarten findet sich hier nicht der ultimative Sandstrand, aber überall hat man die Möglichkeit, sich hinzusetzen, zu geniessen und die Seele irgendwo auch am Schatten baumeln zu lassen.
Diese Promenade scheint auch inspirierend zu sein. Mehrere manns-/frauhohe Kunstwerke wurden hier aufgestellt. Integriert in diese Landschaft fordern sie einem heraus, sich zumindest mit der Kamera ebenfalls künstlerisch zu betätigen. Dieser Aufforderung kommen wir dann nach, auch wenn sich unsere künstlerischen Fähigkeiten auf das blosse Ablichten dieser Objekte beschränkt.
Wanaka haben wir ausgereizt. Nun wollen wir weiter. Nicht ohne Wehmut verlassen wir diesen Ort. Unsere Reise führt uns vorerst an den Lake Hawea, der kaum 10 km entfernt ist. Dieser See ist mit 140 km² rund 50 km² kleiner als der Lake Wanaka und liegt 70 m höher. Lieblich ausgestreckt liegt er völlig unaufgeregt da, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft. Das Touristenzentrum Lake Hawea, wo ausgelassen den verschiedensten Wassersportarten gefrönt wird, lassen wir links liegen und folgen dem Westufer nach Norden. Bei einem Lookout vertrampen wir uns kurz die Beine, bevor wir am Ende des Westzipfels über den kleinen Pass The Neck wieder zum Nachbarn Lake Wanaka gelangen.


Hier öffnet sich nochmals der Blick auf die erhabene Bergwelt der Mt. Aspiring-Region mit seiner prachtvollen Gletscherwelt.
Auch hier müssen wir natürlich verschiedentlich noch runter ans Wasser, bevor wir auf unserem Weg zur Westküste die Central Otago-Region definitiv verlassen. Diese trockene Region im Lee der Südalpen ist die einzige Neuseelands, die nirgends ans Meer grenzt. Dafür begeistert sie mit ihren zahlreichen leuchtenden Seen und den trockenen Steppenwiesen voller tussock gras, das den weiten Landschaften einen Hauch von verschiedensten Blautönen verleiht.
Es gibt nur eine Strasse, welche Otago mit der Westküste verbindet und über die Südalpen führt. Diese Strasse, einstmals ein blosser Trampelpfad, haben die Maoris vor hunderten von Jahren benutzt, um ihre Greenstones, die grünen Steine, von der Küste ins Landesinnere zu bringen. Namensgeber dieses Passes war der Geologe Julius Haast, der für sich beanspruchte, 1863 als erster in diese Gegend vorgestossen zu sein. Dieser Pass, bekannt als Haast Pass, ist der südlichste von den drei Übergängen über die Südalpen. Erstaunlich, dass die Strasse erst etwa 1962 eröffnet und dadurch die Gegend an der Westküste zugänglich gemacht wurde. Zuvor musste, um von Central Otago aus in dieses Gebiet mit der Ortschaft Haast zu gelangen, ein Umweg von mehreren hundert Kilometern in Kauf genommen werden. Auch wenn die heutige Strasse komfortabel und gut befahrbar ist, sie gilt als abenteuerlich. Kurvenreich führt sie durch eine völlig abgelegene, unbewohnte Einsamkeit.
Kurz nach dem Verlassen des Lake Wanaka durchquert man die letzte Siedlung, Makarora, wo man die letzte Gelegenheit hat, Benzin aufzufüllen. Dann kommt nichts mehr für die nächsten 120 km. Vollgetankt und nach einem währschaften Imbiss folgen wir dem Tal des Makaroa-Rivers hinauf Richtung Haast Pass.

Die Vegetation beginnt sich grundlegend zu ändern und zeugt davon, dass wir in Richtung einer feuchten Gegend fahren. Tatsächlich findet sich ennet des Passes eine der regenreichsten Gegenden Neuseelands. Heute straft das prachtvolle, wolkenlose Wetter diese Grundwahrheit Lügen. Auf der Passhöhe angekommen machen wir einen kurzen Halt und geniessen auf einer kleinen Rundwanderung die Üppigkeit des Regenwaldes. Überraschenderweise sind wir hier oben noch immer im Gebiet des Mount Aspiring National Park.
Die Maoris nannten den Pass Tiori-Patea, was so viel bedeutet wie: der Weg voraus ist frei. Das nehmen wir uns als Motto und überqueren an dieser Stelle also einmal mehr die Südalpen. Es ist schon erstaunlich, dass auf den ganzen fünfhundert Kilometern, welche die Südalpen die Südinsel in nordsüdlicher Richtung durchziehen, lediglich drei Passübergänge existieren. Im Sprachgebrauch der Maoris kommt zum Ausdruck, dass diese Bergkette das Wasser vom Festen trennt, oder einfach das Spiegelbild des Ozeans ist: Ka Tiritiri o te Moana. Wir fahren also die enge Schlucht hinunter Richtung Meer. Das Landschaftsbild mit den üppigen Pappelwäldern erscheint beinahe unwirklich, fremdartig gegenüber der trockenen Gegend, die wir in den letzten Tagen durchstreift haben. Die Strecke führt geradewegs dem Haast River entlang hinunter in eine Gegend, die Cringe Area genannt wird, also etwa so wie erschaudern oder zusammenzucken aber auch krümmen.
Tatsächlich öffnet sich hier eine eindrückliche, gurgelnde Schlucht, die von einer Brücke überspannt wird und genau hier ändert sich die Richtung der Strasse um neunzig Grad gegen Westen. Trotz der gfürchigen Prämisse dieses Ortes gönnen wir uns einen Fotohalt. Auch hier erkunden wir kurz die Gegend zu Fuss, bevor wir unseren Weg durch das sich weitende Tal Richtung Meer fortsetzen.

Bald erreichen wir die Ortschaft Haast, die wir aber links liegen lassen, um alsbald das Meer zu erreichen. Die Strasse führt so nahe der Küste entlang, dass wir die aufsteigende Brandung wahrnehmen können, obwohl das Meer bei diesem Wetter ruhig ist. Endlich mal wieder das Rauschen des Meeres in unseren Ohren und den Geruch von Salzwasser in unseren Nasen. Unglaublich das Kribbeln, das unsere Körper durchströmt.


Doch bald wendet sich die Strasse von der Tasman Sea ab und bringt uns wieder ins Landesinnere. Wie zum Trost führt sie zuerst am Lake Moeraki vorbei, ein beschaulicher Tümpel, von dem wir auch ein paar Fotos nehmen, bevor wir durch das wilde Westland durch dichte Wälder, wilde Schluchten und weites Schwemmland bis nach Fox Glacier fahren. Die Maoris nennen dieses Gebiet zwischen Alpenkamm und Schwemmland Tai Poutini. Auch hier wurde ein Nationalpark geschaffen.

Wir erreichen Fox Glacier gegen Abend und beziehen unsere Unterkunft im Top 10. Eigentlich sind wir nach den 260 km müde genug, um uns einfach in die Sessel fallen zu lassen. Aber es ist noch hell und angenehm, so dass wir beschliessen noch zum Lake Matheson zu fahren. Dieser gehypte Tümpel liegt weit draussen im Schwemmland und soll den Alpenbogen perfekt reflektieren. Wir wollen noch vom guten Wetter profitieren, wer weiss, wie das morgen sein wird. Der Weg dorthin ist gut beschriftet, soll man doch das Restaurant mit dem Souvenir-Shop einfach und schnell finden.
Wir haben Glück, es ist schon alles geschlossen, d.h. wir sind hier praktisch alleine und können die Gegend nach Belieben geniessen. Geniessen ist etwas relativ, werden wir doch durch blutgierige Sandflies belästigt, wodurch sich unser Schritt unwillkürlich beschleunigt. Durch den Wald gelangen wir zum See, der ruhig und schon etwas schläfrig daliegt. Aber wir lernen schon die verschiedenen Wege, die um den See führen kennen und wissen, was uns morgen erwartet.
Wir bleiben nicht lange im düsteren Wald, sondern beeilen uns ausserhalb noch die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen, die die mächtigen Berge und die Gletscherwelt in den Schlaf streicheln. Das prächtige Alpenglühen lässt auch uns stille werden. In andächtiger Demut verharren wir, bis uns die kleine Sichel des abnehmenden Mondes zur Rückkehr mahnt.






Die Nacht halten wir kurz. Es ist noch dunkel, als wir uns wieder auf den Weg zum Lake Matheson machen. Alles wirkt hier noch verschlafen. Selbst die Natur hält sich noch vornehm zurück. In den leicht nebelverhangenen Bergen zeigen sich aber schon die ersten Sonnenstrahlen des sich zaghaft ankündenden neuen Tages.


Ohne Zögern machen wir uns auf den Weg, der den Lake umrundet. Zu Beginn verwehrt uns Nebel noch einen klaren Blick auf See und Berge. Doch schon bald lugt die Sonne mit ihren milden Strahlen über den zackigen Bergkamm und beginnt damit, den Nebel wegzulecken.
Bald verwandelt sich dieser Nebel in kleine, mystische Fetzen, die zärtlich die stille Wasseroberfläche zu küssen scheinen.
Wir eilen förmlich um den See, um möglichst viel dieser Stimmungen zu erhaschen. Immer wieder müssen wir anhalten, den Fotoapparat zücken, um möglichst viel von diesem Zauberland zu erhaschen.
Wahrlich phänomenal, wie sich die Berge im Wasser spiegeln und mit den Überbleibseln des Nebels zu verschmelzen scheinen. An ein paar Orten wurden kleine Stege errichtet. Hier kann man quasi über der Wasseroberfläche schweben und so dem Geschehen ganz nahe sein.
Ein wunderbares Erlebnis und wir begreifen, warum dieser kleine Fleck Erde eine solche Faszination auf die Besucher ausübt. Auch wir verspüren diese Bezauberung, wohlwissend natürlich, dass wir auch in unserer Heimat solche Kraftorte besitzen und noch immer von den fantastischen Spiegelungen in Patagonien träumen.


Zurück durch den Wald leuchten die Farne und Palmen in ihrem schönsten Grün. Sie werden jetzt durch die kräftiger gewordene Sonne angestrahlt und erwärmt.
Wir fahren zurück zu unserer Unterkunft. Wir haben doch ein Frühstück verdient und heute wollen wir unsere Reise fortsetzen. Bevor wir aber die grandiose Gegend verlassen fahren wir noch hinauf zum Fox Gletscher. Dieser Ausflug ist aber eher enttäuschend. Die Ranger vom DoC haben das Gebiet weiträumig gesperrt. Bei ihren täglichen Kontrollen haben sie offenbar festgestellt, dass die Begehung des Gebietes, insbesondere des Gletschers momentan zu gefährlich ist. Naja, auch bei uns gibt es immer wieder Touristen, die in Turnschuhen das Matterhorn erklimmen wollen. Wir befolgen ihren Rat und geben uns mit einem flüchtigen Blick von weitem zufrieden kehren also zurück ins Tal und setzen unsere Reise Richtung Norden fort.

Ob wir dort unsere Füsse wieder aufwärmen können?