JACARÉ II

Jacaré II

Dann wären wir also wieder hier in Jacaré. Unsere KAMA* hat uns freudig erwartet, Alles war in Ordnung, was darauf hinweist, dass sie auch eine gute Zeit hatte. Wir waren auch erleichtert, ist es doch nicht selbstverständlich sein Schiff an einem solchen Ort wieder unversehrt vorzufinden.

Ja, dann merkten wir, dass es auch hier in der Gegend noch sehr viele interessante Dinge zu bestaunen gäbe. Also entschlossen wir uns, nicht gleich abzureisen.

Am 21.12., Katjas Geburtstag, bestiegen wir das Taxi von Bernardo und fuhren damit nach João Pessoa, auch Jampa genannt (in Anlehnung an São Paulos Spitzname Sampa), dem drittältesten Ort von Brasilien. Dort wollten wir in erster Linie den botanischen Garten besuchen. Doch auch hier hatten wir Pech mit den Öffnungszeiten. Zudem wären wir sowieso nicht eingelassen worden, weil wir nicht mit festen Schuhen, langen Hosen und langen Ärmeln ausgerüstet waren. So zogen wir halt wieder von dannen.

Blick in den sicher interessanten Garten

Klar doch, gehen wir halt zum Franz!

Nein, ich bin nicht Franz, ich gehöre hier zum Garten. Kommt ihr wieder?

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Katja ist man ja nie in Verlegenheit. Kleines Umdisponieren und Bernardo wusste, wo er hinfahren soll. Sie schlug vor das Kloster São Francisco zu besuchen, angeblich eines der schönsten Brasiliens, heute als Centro Cultural genutzt, mitten in der Stadt gelegen.

 

 

 

 

Schon auf dem Klosterplatz finden sich viele schöne Azulejos.

 

 

 

im Kreuzgang

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Baubeginn datiert zurück auf das Jahr 1589, vollendet wurde es aber erst rund zweihundert Jahre später. Die Arbeiten wurden wegen Kriegen mit den Holländern und Franzosen immer wieder unterbrochen. Kein Wunder also, dass dieser Bau verschiedene Stilrichtungen aufweist und verschiedene Teile gar nie richtig fertig gestellt wurden. Insgesamt entstand aber ein harmonischer Wohlfühlkomplex mit vielen interessanten Räumen und Kapellen. Allerdings fehlen heute die Bewohner und der Betrieb der Schule wurde 1964 eingestellt. Früher beherbergte das Kloster auch die Schule der Marine und das Militärspital.  Nur noch wenige der Franziskaner sind hier tätig. Einer davon hat uns kompetent durch alle diese Räume und Kunstausstellungen geführt. Seine in portugiesisch dargebotenen Erklärungen konnten wir dank unserer Dolmetscherin Katja, die sich mittlerweile schon gut an diese Sprache adaptiert hat, recht gut verstehen.

 

 

 

Die Hauptkirche mit – wie fast überall hier – schöner Deckenmalerei und einem Brusttäfer aus Azulejos.

Der Hauptaltar wurde in früheren Jahren zerstört.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Juwel ist jedoch die goldene Kapelle. Hier wurden aber die Decke und andere Ornamente nie fertiggestellt. Trotzdem wird man in dieser Kapelle vom goldenen Glitzern beinahe erschlagen.

die goldene Kapelle mit der weissen, unbemalten Decke

Der Hauptaltar

 

 

 

 

 

 

 

einer der beiden Seitenaltäre

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

Oberhalb des Hauptaltars, über den pfuusbäckigen Engeln,  befindet sich eine Darstellung des Abendmahls, in Anlehnung an Leonardo da Vinci. Dieses Gemälde ist insofern bemerkenswert,  finden sich doch unter den Jüngern Schwarze und Indianer. Diese Kunstrichtung wird tropisch-barock Barock genannt.

Durch eine Ausstellung mit Figuren aus Wurzelholz gelangt man in das Refektorium der Mönche. Dieses zeigt ebenfalls eine wunderbare Deckenmalerei, schöne Möbel und einen wirklich antiken Boden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

in diesen Kästchen konnten die Mönche ihre Handys ablegen. So waren sie beim Essen ungestört (;-))

die altehrwürdigen Böden

 

 

 

 

 

 

 

prunkvoll

 

 

 

 

 

 

 

 

die Decke der Sakristei

im Gebetshaus

hinauf in den 1. Stock, wo sich eine wunderbare Kunstausstellung, aber auch das Chorgestühl der Hauptkirche befindet, in

 

welches man sich nicht setzen soll!

 

 

 

 

 

 

 

aber diese wunderbare Decke...

aber diese wunderbare Decke…

…lässt sich so am besten bestaunen.

 

 

 

 

 

 

 

…im Chorgestühl…

 

 

 

 

 

 

 

Auf diesem Stockwerk finden sich in zahlreichen Nebenräumen weitere Ausstellungen. In einem Raum finden sich zahlreiche Heiligenfiguren. Ein anderer ist all den sakralen Gegendständen gewidmet. Es findet sich aber auch eine Abteilung mit profaner Kunst. Darunter befinden sich Werke erster Güte. Wahrscheinlich wird der Wert dieser Kunstgegenstände verkannt. Viele Werke sind aus Holz gefertigt. Thema ist auch häufig die indigene Bevölkerung.

Indianerschmuck

 

 

 

 

 

 

Schnitze mal einer eine bewegliche Kette aus Holz!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im oberen Stock wohnten früher auch die Mönche. Von den Zimmern geniesst man eine schöne Aussicht in den Garten, aber auch in  die weite Landschaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ja, und hier ist er, der Franz, der mit den Tieren spricht. Ich schätze mal die westliche Welt – wir – haben ihm sehr viel zu verdanken. Also, danke Franz!

 

 

 

 

 

 

 

Jahreszeitgemäss fand auch eine Ausstellung von Weihnachtskrippen statt. Angeblich geht die Tradition der Weihnachtskrippen auf die Römer zurück. Damals waren es die Laren, Schutzgötter oder Schutzgeister für Orte oder Familien, denen eine Art Altäre errichtet wurden. Die Schutzgeister (lares familiares) wurden den verstorbenen Vorfahren gleichgesetzt und bei allen Familienfestern verehrt. Dieser Kult geht wahrscheinlich schon auf urzeitliche Hausbestattungen zurück. Die erste Krippe wurde von Franz von Assisi gestaltet und zwar in Lebensgrösse. Diese Idee hat mittlerweile achthundert Jahre überdauert und ist gerade auch in Brasilien bei  Arm und Reich immer präsent und hat neben dem religiösen auch einen künstlerischen und kulturellen Charakter. Die Krippe wird traditionsgemäss gebildet aus Maria und Josef mit dem Christuskinde, Engeln, dem Stern von Bethlehem (estrela de Belém), den Hirten und Tieren, Ochsen, Esel und Schafe. Dazu gehören aber auch die drei Könige mit ihren Geschenken. Dabei steht das Gold für das Königreich Jesu. Der Weihrauch ist Sinnbild für die Göttlichkeit Jesu und dessen Rauch die Gebete, die zum Himmel aufsteigen. Und schliesslich ist die Myrrhe für die Menschheit und deren Leiden ein prophetisches Geschenk, verkündend die Leiden Christi, dafür aber sein Reich in Ewigkeit sein wird. Die Könige selbst versinnbildlichen die drei damalig bekannten Kontinente Afrika, Asien und Europa, so die ganze Menschheit repräsentierend und somit das alttestamentliche Versprechen erfüllend, dass Jesus für die ganze Menschheit der Retter sein wird (kann, könnte). Theologisch gebildete Leser mögen bitte meinen laienhaften, kläglichen Exkurs in religiöse Sphären entschluldigen! Vielleicht findet sich ja sogar jemand, der Korrekturen oder Ergänzungen anbringen kann.

Hier einige Eindrücke aus der Ausstellung, welche von lokalen Künstlern Paraíba’s gestaltet wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

symbolisiert

oder mit einfachen Mitteln plastisch dargestellt

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach soviel Geistlichem stand uns der Sinn nach anderem Geistlichen. Am folgenden Tag besuchten wir eine Schnapsbrennerei. Das ist in Brasilien natürlich eine Cachaçeria. Gerade die Gegend im Paraíba ist berühmt für guten Rum. Mit dem Taxi fuhren wir in etwa hundert Kilometer über Land. In Alagoa Grande machten wir einen ersten Halt. Hier liegt das Zentrum des Tamburins und zu Ehren von Jackson do Pandeira (Hans mit dem Tamburin), König der Rhythmen und des Forrò (bras. Musikstil) gibt es hier ein kleines Museum, das jedoch geschlossen war. Da nützte auch das umtriebige Getue unseres Taxichauffeurs nichts.

 

Der Dorfeingang ist mit einem Tamburin geschmückt.

 

 

 

 

 

 

 

 

     Das am kleinen See gelegene Dorf

mit seiner Kirche

und seinem schon 1905 gegründeten Theater

 

 

 

 

 

 

 

kleiner Schwatz mit der Putzfrau (sorry Raumpflegerin) des Theaters.

da drüben ist das kleine, geschlossene Museum

 

 

 

 

 

 

 

 

eigentlich ist das Dorf für seinen Markt berühmt

uns aber nicht wirklich überzeugend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Transport auf brasilianisch

 

Nach diesem Zwischenstopp ging es dann weiter in die Cachaçeria. Diese in der bereits fünften Generation geführten Brennerei hat auch ein Restaurant, in welchem wir unser Mittagessen einnahmen. Trotz der angebrachten Hängematten verzichteten wir auf den Genuss, die verschiedenen Rumsorten zu degustieren. Die Führung durch die Produktionsanlagen war höchst  interessant, zeigte sie doch, wie hier feinster Rum nach allen Regeln der Kunst hergestellt wird. Dabei ist die Distillerie stolz darauf, nur natürliche Produkte zu verwenden und diese möglichst ökologisch zu verarbeiten. Die alten Maschinen sind hier alle in Gebrauch. Die notwendige Hitze wird durch das Verbrennen der ausgepressten Zuckerrohrpflanzen erzeugt.

Vom Zuckerrohr zum Rum, dargestellt in einem Mosaik.

 

 

…werden zur Befeuerung verwendet.

die gepressten und getrockneten Stängel…

 

 

 

 

 

 

 

Damit werden die unglaublichsten, wahrscheinlich noch aus der Pionierzeit der Dampfmaschinen stammenden, Apparaturen und die Distillerie betrieben.

 

 

 

 

 

 

 

stimmt der Alkoholgehalt?

Lagerung in den Fässern

 

 

 

 

 

 

 

Das dazugehörende Restaurant mit dem Verkaufsladen. Gemütliche Hängematten rundum.

 

Frisch gestärkt fahren wir also weiter. Wir besuchen noch das Bergdorf Areia, das mehr als sechshundert Meter über Meer in einer hügeligen Landschaft liegt. Es ist der höchste Punkt in Paraíba. Farbenfrohe Häuserzeilen schmücken die Strassen. Die Gemeindeverwaltung ist in einem historischen Gebäude untergebracht. Im Gemeindesaal wird von den Schülern gerade ein Theaterstück, ich schätze mal ein Krippenspiel geübt. Auch eine kleine Kunstausstellung ist hier integriert. Im Hinterhof befindet sich zudem das ehemalige Gefängnis.

Der Innenhof der Gemeindeverwaltung mit den ehemaligen Gefängniszellen.

 

 

 

 

 

 

 

Blick von Areia in die hügelige Landschaft von Paraíba

Müde treten wir die Heimreise an. Unser Chauffeur weiss noch viel zu erzählen, erklärt uns die Gegend, die langsam im Dunkel der Nacht verschwindet. Ob wir wohl alles verstanden haben? Was wir wissen, wir werden diese Gegend bald verlassen und mit unserer KAMA* weiter gegen Süden ziehen. Wir freuen uns darauf!